Freiflächen-Photovoltaik und Flächenverbrauch – ein Statement der Energie-Offensive Weilburg

Im Zuge der Diskussion um die Errichtung einer Freiland-PV Anlage in Weilburg-Hasselbach möchte die Energie-Offensive Weilburg mit einer Faktensammlung zum Thema Ihren Standpunkt deutlich machen. Die Quellenangaben sind mit Fußnoten versehen, am Ende des Dokumentes verlinkt und für jeden nachprüfbar. Die Abkürzung FFA steht für Freiflächen-Anlage (PV).

1. Vorbemerkung

Die Energiewende hin zu erneuerbaren Energiequellen ist zum einen eine umweltpolitische Notwendigkeit im Hinblick auf den jetzt schon deutlich spürbaren Klimawandel, zum anderen politisch beschlossene Sache. Im EEG 2023 wird die CO2-Neutralität Deutschlands als Ziel für das Jahr 2045 festgelegt. Eine zügige Umsetzung gibt vor allem zukünftigen Generationen die Chance, in einer Welt mit intakter Natur und ohne eine wachsende Anzahl von Naturkatastrophen wie Hitzewellen, Dürren, schweren Stürmen und Überschwemmungen zu leben. Ein Abwarten und Beharren auf dem Status quo wäre ökologisch fatal und vor allem sehr teuer: Jede Tonne CO2, die jetzt verhindert wird, kostet hundertfach weniger als die Schäden, die sie in Zukunft verursacht.

2. Flächenverbrauch

Als Grund für die Abneigung gegen den Bau der PV-Anlage in Hasselbach wird in der aktuellen politischen Diskussion oft das Argument vorgebracht, der Flächenverbrauch in Deutschland läge jetzt schon alarmierend hoch und lasse keine bauliche Nutzung von Agrarflächen für PV zu.

Die EOW stimmt prinzipiell zu, dass der Flächenverbrauch aus ökologischer Sicht auf ein Minimum zurückgeführt werden sollte. Die oft genannte Zahl von 80ha Flächenverbrauch pro Tag ist allerdings falsch, aktuell sind es 55ha pro Tag, Tendenz fallend (1). Dieser Flächenverbrauch bezieht sich ausschließlich auf Verkehrs-, Siedlungs- und Sport/Freizeit und Erholungsflächen und eben NICHT auf Photovoltaik.

Um den Einfluss der Freiflächen-PV auf die Menge der bestehende Agrarflächen in Deutschland zu bewerten, zunächst ein kleiner Exkurs: Im Pressepapier der Ministerien BMWK, BMUV und BMEL sind die Ziele des PV-Ausbaus klar umrissen: Bis zum Jahr 2040 sollen 177,5 GW an PV-Leistung zugebaut werden, davon ausdrücklich 50% auf oder an Gebäuden, Lärmschutzwänden oder sonstigen bereits versiegelten Flächen (2). Es geht bei unserer Diskussion also um ca. 90 GW PV-Leistung auf landwirtschaftlich genutzten Flächen. Der Flächenbedarf lässt sich leicht abschätzen: Die geplante Anlage in Hasselbach wird ca. 15 MWp installierte Leistung haben und ca 12ha groß sein. Konservativ gerechnet kann man also von einem Hektar Fläche pro Megawatt Peak installierter Leistung ausgehen. 90 Gigawatt entsprechen 90.000 Megawatt Leistung, und damit grob gerechnet 90.000 Hektar Fläche, die bis zum Jahr 2040 für Freiflächen-PV benötigt wird.

Zum Vergleich: Derzeit benötigt der Anbau von Energiepflanzen in Deutschland 2.4 Millionen Hektar Fläche (3). Das ist das 26-fache der für PV benötigten Fläche. Gleichzeitig ist die Energiegewinnung aus Energiepflanzen wie Raps oder Mais sehr ineffizient: Mit dem Biodiesel aus Raps eines Hektars fährt ein sparsames Dieselfahrzeug 32.000 km weit. Mit dem Strom aus einem Hektar einer FFA fährt ein Elektrofahrzeug über 6 Millionen Kilometer weit, das ist ein Faktor von bis zu 190 zu Gunsten der PV (4) (die Zahlen variieren je nach Berechnungsgrundlage). Das Video im Anhang zeigt diesen Zusammenhang sehr deutlich auf (5).
Ziel kann es also nur sein, den Anbau von Energiepflanzen um mindestens 1/26stel, mithin ca. 4% bis 2040 zurückzufahren, um die Flächen auszugleichen, die durch FFAs benötigt werden. Somit werden unterm Strich durch FFAs keine Flächen verbraucht, sondern die vorhandenen Flächen nur anders genutzt. Langfristig werden durch das Zurückfahren des ineffizienten Energiepflanzen-Anbaus auf Null über 2 Millionen Hektar an landwirtschaftlich nutzbarer Fläche frei. Freiland-PV schafft also langfristig mehr Ackerfläche !

Als Nebeneffekt wird die Bodenqualität der für FFAs genutzten Flächen massiv gesteigert, da sich Mikroorganismen und Kleinstlebewesen über mindestens 20 Jahre (Förderdauer) oder länger völlig ungestört und ohne Pestizidbelastung entwickeln können.

Eine FFA wird im übrigen immer so geplant, dass sie am Ende Ihrer Laufzeit rückstandsfrei entfernt werden kann, dafür muss der Betreiber auch entsprechende Gelder zurücklegen. Somit wäre nach dem Abbau der Anlage wieder die volle Fläche verfügbar.

Eine Ausnahmeregelung vom Umbruchverbot könnten dann die Nutzung als Ackerland wieder ermöglichen.

Tendenziell ist es aber nach Meinung des EOW nachhaltiger, die Anlage so lange wie technisch möglich in Betrieb zu lassen und dann ggf. später ein Repowering durchzuführen. Weiterhin gibt es mittlerweile auch viele Sonderformen von Freiflächen-Anlagen, die eine landwirtschaftliche Bewirtschaften parallel zur Stromerzeugung erlauben (Agri-PV) oder Biodiversitäts-PV-Anlagen.

3. Wirksamkeit erneuerbarer Energiequellen

Gelegentlich wurde in der Diskussion in Frage gestellt, ob erneuerbare Energien und hier insbesondere PV-Anlagen überhaupt sinnvoll für die Stromversorgung Deutschlands sind. Als Argument wird angeführt, dass die installierte Leistung von. z.B. 15 MWp nie erreicht wird, und dass die Verfügbarkeit von Solarstrom nur tagsüber diesen wertlos mache. Der erste Punkt ist kein Geheimnis, die maximale Leistung erreicht eine PV-Anlage natürlich nur mitten im Sommer und das nur mittags. Rechnet man allerdings die erzeugten Kilowattstunden übers Jahr zusammen, so kann man nach inzwischen mehr als 30 Jahren Erfahrung mit dieser Technologie zweifelsfrei feststellen, dass pro installiertem Megawatt an PV-Leitung circa 900 bis 1000 Megawattstunden an Energie erzeugt werden.

Es ist bekannt, dass Solaranlagen nachts keinen und im Winter sehr wenig Strom erzeugen.

Natürlich kann so, nur durch PV, ein ganzes Land nicht mit Strom versorgt werden. Das funktioniert nur im Zusammenspiel vieler Bausteine, die da sind: Windkraft auf See, Windkraft an Land, PV auf Gebäuden, Freiflächen-PV, Biomasse-Anlagen, Wasserkraft, Speichersysteme, Hilfskraftwerke (z.B. wasserstoffähige Gaskraftwerke), E-Autos mit bidirektionaler Lademöglichkeit, Ausbau des Stromnetzes, smarte Stromzähler, innereuropäische Vernetzung (irgendwo weht immer Wind…) usw.

Und daß das Ganze funktioniert, hat das Jahr 2023 eindeutig bewiesen: Bereits 55% des Stromverbrauchs durch erneuerbare Energien gedeckt, wie die Bundesnetzagentur auf Ihrer Website mitteilt (7).

4. Wirtschaftliche Betrachtung

Es ist vertraglich vorgesehen, dass die Stadt Weilburg aus dem Ertrag 0,2 Cent pro Kilowattstunde erhält. Das entspricht bei angenommenen 15.000 MWh solar erzeugter Energie einem Betrag von ca. 30.000 Euro für die Stadtkasse (natürlich mit jährlichen Schwankungen). Weiterhin sind Einnahmen aus der Gewerbesteuer in nicht geringer Höhe zu erwarten. Die Landwirte, denen die Flächen für die gesplante PV-Anlage gehören, werden mit einer auskömmlichen  Pacht entlohnt und sind schon lange für das Projekt. Somit ist der Bau für alle Seiten wirtschaftlich interessant.

Soweit uns bekannt, wird die Anlage über das EEG-Gesetz gefördert. Der Betreiber erhält also maximal 7,37 Cent pro erzeugter kWh. Wir möchten alternativ eine andere Konstruktion vorschlagen, die den gewonnen Strom direkt für Weilburg nutzbar machen würde:

Die Stadtwerke Weilburg könnten über ein sogenanntes Power Purchase Agreement (8) den per PV erzeugten Strom ganz oder teilweise zum vergleichbaren Preis aufkaufen und an die Bürger Weilburgs als „lokalen Solarstromtarif“ verkaufen. Dieser Preis könnte unter dem aktuellen Strompreis liegen und wäre sicherlich auch der Akzeptanz aller Bürger Weilburgs gegenüber der PV-Anlage und den erneuerbaren Energien im Allgemeinen zuträglich.

5. Zusammenfassung

Der EOW sieht den Bau der geplanten Freiflächen-Photovoltaik Anlage in Hasselbach aus ökologischer Sicht als zwingend notwendig, als auch aus wirtschaftlicher Sicht sinnvoll an. Wir rufen alle Mitglieder des Stadtparlaments auf, für den Bau der Anlage zu stimmen.

 

 Anhang

 (1) https://www.umweltbundesamt.de/daten/flaeche-boden-land-oekosysteme/flaeche/siedlungs-verkehrsflaeche#anhaltender-flachenverbrauch-fur-siedlungs-und-verkehrszwecke-

(2) Pressepapier Flächen für die Photovoltaik (bmel.de)

(3) https://www.dena.de/fileadmin/dena/Publikationen/PDFs/2022/ANALYSE_Marktmonitoring_Bioenergie_2022_Teil_1.pdf

(4) https://www.ise.fraunhofer.de/content/dam/ise/de/documents/publications/studies/aktuelle-fakten-zur-photovoltaik-in-deutschland.pdf , Seite 38

(5) https://www.thuenen.de/de/newsroom/mediathek/faktencheck/energie-vom-acker-lohnt-sich-das

(6) https://www.heise.de/news/Europas-groesster-Batteriespeicher-soll-in-Brokdorf-entstehen-9578237.html

(7)https://www.bundesnetzagentur.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2024/20240103_SMARD.html#:~:text=Erzeugung%20aus%20erneuerbaren%20Energien,Anteil%20von%2031%2C1%20Prozent..

(8) https://www.interconnector.de/wissen/power-purchase-agreement-ppa/#:~:text=Power%2DPurchase%2DAgreement%20(kurz,von%20Strom%20zwischen%20zwei%20Parteien.